Der Weltfrieg 15

Südamerika und der Welltkrieg Guſtav Stezenbach (Freiburg i. Br.)

20 Pf.

Sekretariat Sozialer Studentenarbeit

Es war zweifellos einer der (175988), daß er dem Kat feines hen = er Aranda, nicht Folge leiftete, aus den ſüd— inifters, des Grafen golonialVizekönigreichen ee und mittelamerikaniſchen Ind Diefe Länder, deren Ybfall Fi der Dynaſtie zu machen a Bündniffe an das Mutterland zu e. a lang drohen mußte, anflatt unter eignen Monarchen einer ne en. » er Abfall am, und Entwicklung teilhaftig iu werden, ver = Blüte und felbftändigen dem allgemeinen Chaos nr ii = die neuen Nepublifen und gerieten allmählich in völlige Ybhängi n —— ber Demofcafie Btaaten, bie ihrem fiet® twadtenden e * er den eutopäifchen famen. Die fortwährenden finanziellen Ne rfnis a amerifanifhen Staaten find nicht nur eine ber ſud⸗ publiken zum Syſtem erhobenen Korruption F bi |— rn ee —— Die meif auf nlihen Raubbau hinausgeht und bei einer Mi trotz aller natürlihen reihen Hilfsquellen und eg Fran Krifen ſtürzt. Der Raubbau, wie er in eint | even befrieben wird, hat natürlich —— Ice a Rt port” feiner Erzeugniſſe in weiteſtem Umfang möglich er% A war daher die nächſte Folge des Kriegsausbruchs, daß für eine Reih von Erzeugniffen Südamerikas der Erporf ganz oder feilmeife Bu hörte, da des Kaperkrieges wegen die Schiffahrt längere Zeit faſt ſtillſtand und zudem eine Reihe von Abſatzgebieten verſchloſſen wurde. Es darf nicht wundernehmen, daß es der längſt vor

unſern Feinden zugänglichen —5 ein ee Krieg plößlich arbeitslos gewordenen Mafjen gegen Deutſchland und Oſterreich⸗ Ungarn, als die Urheber des Krieges, einzunehmen und ſo eine deutſchfeindliche Stimmung zu erzeugen. Die ungeheuer— lichſten Lügentelegramme, die Havas und Reuter verbreiteten, be— ſonders die Meldungen über deutſche Greuel, über Erſchießung der ſo zialdemokratiſchen Abgeordneten uſw. waren geeignet, die repu— blikaniſche Maſſe, die noch dazu in Frankreich, dem klaſſiſchen Land der Revolution, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, ihr politiſches Idol erblickte, mit Haß gegen die monarchiſchen Zentral— mächte zu erfüllen. Die deutſche Telefunkenſtation Nauen leiſtete dem Vaterland wertvolle Dienſte und ermöglichte die raſche Wider; legung der Reuter— und Havaslügen. Man darf nicht vergeſſen, hervorzuheben, daß der Krieg in der Havas⸗ und Reuterpreſſe als ein Krieg des Militarismus, der Militärmonarchie gegen die Demos kratie gekennzeichnet wurde und daß dieſe Schlagwörter der Frei— maurerei entſtammen, die mit den engliſchen, franzöſiſchen und

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ttaltenifhen Freimaurerlogen feit Jahren Hand in Hand arbeitete, wie dies anläßlich der italienifhen Kriegserflärung auch für die ſüd— amerifanifchen Logen and Tageslicht Fam. Diefe Logen arbeiteten durch Beflehung und Drohung und erreichten fo, daß die ſüdameri— Eanifche Preffe ihnen gefügig war, ebenfo aber auch die maßgebenden Politiker, ſoweit diefe nicht felbft der Loge angehörten. |

Da fih in den letzten Jahren das Verhältnis der ehemaligen fpanifhen Kolonien zum Mutterland zu einem recht freundſchaft— lichen entwidelt hatte, fo verbreitete man die Nachricht, Deutſchland habe an Spanien den Krieg erklärt. Hierdurch hoffte man auch Die Stimmung in den Kreifen zu beeinfluffen, die im Grunde Deutſch— land freundlih gefinnt waren,

Die „deutſche Gefahr“ wurde mit grelfen Farben an die Wand gemalt, und zwar mußten hierzu die deutfehen Kolonien in den ABC⸗ Staaten (Argentinien, Brafilien und Chile) herhalten; dieſe Ko— lonien wurden als förmliche ſtrategiſche Stellungen bezeichnet, als Heere, mit denen der deutſche Generalfiab rechne, um die Eroberung und Annektierung diefer Staaten vorzubereiten. Diefer Schwindel wurde auch von Nordamerika aus verbreitet, wo man natürlich, wie in England, ein Intereffe daran hat, Deutfchland in jeder Weife zu verdächtigen, um durch diefe Stimmungsmache ſich des deutfchen Ab: ſatzmarktes während des Krieges zu bemächtigen. Und doch waren es die Engländer, die heute ganz Südamerika als ein zweites Indien in Händen hätten, wären ihnen ihre verſchiedenen Anſchläge gegen die damaligen ſpaniſchen und portugieſiſchen Kolonien geglückt. Und doch iſt es Nordamerika, dag, wie England, durch ſeine Truſts, in erſter Linie das mächtige Farquharſyndikat, direkt vor dem Kriege ganz Südamerika förmlich zuſammenkaufte, um es unter feine wirtſchaft— liche Abhängigkeit zu bringen. Und doch iſt es Japan, der Verbündete Englands, der trotz amerikaniſcher und japaniſcher „Monroedoktrin“ in der Weſtküſte Amerikas von Kalifornien bis herab nach Punta Arenas ſein Anſiedlungsgebiet erblickt, das zur Aufnahme des japaniſchen Bevölkerungsüberſchuſſes Platz und Fortkommensmöglichkeit genug hat, was bekanntlich in dem dicht bevölkerten China nicht der Fall iſt. So helfen die meiſten ſüdamerikaniſchen Staaten in größter Ver; blendung ihre eignen Verderber großziehen, während fie, mit Scheu; klappen gegen die wahre Gefahr blind gemacht wie Stanf; reich auf das Vogeſenloch auf die halbe Million deutfcher Koloniften Narren, die in ganz Südamerika zerſtreut faft die einzigen Anſiedler Ben * per ihren Wirtſchaftsbetrieb den Ländern, in

enen ſie wohnen, zum wirklichen Nutzen gereichen, ihre ehrliche —— gen gereigen, ebenfo inte durch Es gibt freilich auch in Südamerika noch Kreiſe, welche dieſen

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Rummel gegen Deutſchland und Oſterreich-Ungarn nicht mitmachen, a dieſe Kaiferreihe gegen ungerehte Angriffe in Schuß Es find freilih von dem gebildeten Südamerifanern nicht jene, die gewohnt find, die „Saiſon“ in Paris zu verbringen, um dort bie —— die ihnen aus dem verpachteten Großgrundbeſitz mühe— os zufließen, ebenſo mühelos zu verpraſſen, ſondern es ſind jene Kreiſe, die Deutſchland und Ofterreich aus eigmer Anſchauung nicht aus den Schilderungen verlogener Illuſtrationen kennen. Diefe Leute, meift Gelehrte, Arste, Offiziere, famen nach Deutfchland, um bier zu lernen. Und mit dem Erlernten haben fie auch Achtung und Hochſchätzung für ernftes deutſches Wefen und Streben, für deutſche Wiſſenſchaft und Technik mit nach Haufe genommen. Sie fennen das wahre Deusichland und glauben daher Die Lügen der Ententeprefie nicht. So 5. B. der Südamerifaner 3. C. Guerrero, Der in Deutſch⸗ land ein Buch „La Guerra Europea mirado por un Sudamericano“ herausgab (Deutſche Verlagsanftalt, Stuttgart).

Es gibt aber auch folhe, die nicht fehen und dennod an ung glauben, und das find die Katholiken der ſüdamerikaniſchen Länder, Sie verförpern den konſervativen Teil der Bevölkerung, der im Gegen; fas zu den Radikalen, den frühern Losreißungsparteien nicht von dem freimaurerifch republifanifhen Demofratiefoller befefien find. Aus ihnen entwidelten fich die konſervativen Republikaner, denen die Republik noch nicht gleichbedeutend fein wollte mit dem Anti. klerikalismus, welchen die vadifalen, freimaureriſch infpirierfen Glemente der Bevölkerung befrieben,

Genau wie in den Mutterländern Spanien und Dortugal die Monarchiſten und Ronfervativen deutſchfreundlich find, während die Liberalen und Republikaner ſich deutſchfeindlich erweiſen, genau ſo ſind in Südamerika die Konſervativen und Katholiken deutſchfreund⸗ lich, indes der geſamte Radikalismus zum Vierverband hält. Im Vierverband fehen die fatholifch gefinnten Parteien den Vorkämpfer der materialiſtiſchen, anfitichlihen Weltanſchauung; dieſe Kreife wollen nichts wiſſen vom der antiklerikalen fran zöſiſchen Republik, die auch den ſüdamerikaniſchen Radikalen als Vorbild vorſchwebt. Sie wollen auch nichts wiſſen von einer mammoniſtiſchen Politik, die England treibt, und von einer ſchismatiſch⸗un duldſamen Koſaken⸗— politik Rußlands. Ebenſowenig können ſich dieſe Kreiſe für die Logen—

olitik Italiens begeiſtern. Sie ſehen auf Deutſchlands und Hſter— ie 8 Seite das göftlihe und menfchlihe Necht und fehen reich⸗ Ungarn | nn in deren Kaifern Vorbilder chriſtlicher Geſinnung und Handlungs⸗ meife. Det gefamte Epiffopat und Klerus, weltliher und Ordens— tlerus, wie auch die gefamte fatholifhe Preffe Südamerikas fehen wit

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daher begeiftert für die Zentralmächte, ja fogar für die Türkei Partei ergreifen, die fich ihrer Anſicht nach lediglich gegen die Räuber ihrer Länder wehrt und, felbft gottesgläubig, den Chriffen gegenüber fich ftets duldfam bewies.

Nach dem erſten Naufch füdamerifanifchrenglifher Sympathien fam freilih da und dort auch im Volk eine mehr nüchterne Betrach— tung der Lage zur Geltung. Die Seefchladht von Coronel trug dazu wefentlih bei. Die Nüdfichtslofigkeit, mit der England fich über jede Beftimmung des Seekriegsrechts hinmwegfeßte, jeden Handel, auch den Feineswegs Konterbande befördernden, mit Deutfchland unterband, die deutihe Poſt nah Südamerifa ind Meer werfen lieg und die füdamerifanifhe Poſt der Zenfur unterwarf, die Wehr; pflichfigen von neutralen Schiffen herunterholte, alles dies gab auch manchem Südamerikaner zu denken, der fich anfangs durch Die Lügen der Dreiverbandspreffe hatte täuſchen und gegen Deutfhland-öfter; reich hatte einnehmen laffen. Lügen pflegen auch in Südamerifa furze Beine zu haben. Man darf daher hoffen, daß die Wahrheit such in Südamerika allmählih durchdringen und einen Umſchlag der Stimmung hervorrufen wird,

Es ift zum beifern Verffändnis der Lage in Südamerifa nof; wendig, einen Bid auf die einzelnen Staaten zu werfen, um ein Hares Bild zu erhalten. Die wichtigfien Staaten Südamerikas find die ſog. ABC-Staaten, der füdamerifanifehe Dreibund, der im Mei 1915 ein Schiedsgerichtsabkommen für alle Streitigkeiten abgefchloffen hat, Urgentinten, Brafilien und Chile,

Argentinien fiand vor dem Krieg im Geruch, neben Chile der deutſchfreundlichſte Staat Südamerikas zu fein; der Beſuch des Prinzen Heinrich von Preußen und des deutſchen Geſchwaders iſt noch in aller Erinnerung. Auch hatte die argentiniſche Regierung deutſche Inſtruktionsoffiziere für die Armee kommen laſſen und kurz vor Kriegsausbruch noch einen Marineattaché bei ihrer Geſandt— ſchaft ernannt. Viel war von der argentiniſchen Freundſchaft die Rede anläßlich des Beſuchs der argentiniſchen Sondergeſandtſchaft zu Berlin und deren Empfang duch den Kaiſer ıgıı, ferner anläßlich des Be; ſuchs des Generals von der Goltz Paſcha am La Plata. Der lang⸗ jährige deutſche Geſandte in Buenos Aires, von Buſche⸗Hadden⸗ hauſen, befand ſich bei Kriegsausbruch auf Urlaub in Deutſchland und wurde durch einen Geſchäftsträger, den Grafen Luxburg, vor— läufig erſetzt. Argentinien erklärte zwar ſeine Neutralität, doch in Wirklichkeit benahm es ſich ganz wie eine engliſche Kolonie. Die wich⸗ tigſten argentiniſchen Bahnen ſind in Händen engliſcher Bahngeſell⸗ ſchaften, ebenſo die großen Viehgefrieranſtalten und der Getreide— exporthandel. Die Folge war, daß ſich die Engländer förmlich alg

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Herren Argentiniens aufführten. Die argentiniſchen Freimaurer— logen organiſlerten ſofort tens ie fran zö⸗ ſiſche Republik und England, die gegen die „teutoniſche Barbarei“ kämpften, um die Welt vor dem „abſolutiſtiſchen Deſpotismus“ zu ſchützen. Pöbelkundgebungen gegen die Deutſchen, Sympathiekund— gebungen z. B. für den König der Belgier anläßlich deſſen 40. Ge— burtstag, taktloſe Reden bei argentiniſch-patriotiſchen Anläſſen waren die noch unmichtigiten Folgen dieſes Treibeng, dem die große argen; tiniſche Preffe ihre Unterffügung lieh. Schon fühlbarer war die auf —— Betreiben erfolgte Entlaſſung deutſcher Angeſtellten und Arbeiter durch argentiniſche Firmen und der Boykott deutſcher Firmen. Auch die engliſchen Bahngeſellſchaften entließen die deut— ſchen Arbeiter. Die Regierung bewies ihre „Neutralität, durch allerlei Schikanen gegenüber deutſchen Schiffen, die Kohlen einnahmen, während ſie den engliſchen jeden Vorſchub leiſtete und engliſchen Kreu zern trotz Neutralität förmliches Bürgerrecht gewährte. Dafür kaufte die engliſche Regierung die ganze Weizenernte auf, die ſie natürlich für die Ernährung Englands notwendig brauchte. Pferde für die engliſchen und franzöſiſchen Armeen und ſonſtige Kriegs— konterbande konnten ſeit Kriegsbeginn, ungehindert durch die Ne gierung, nach England ausgeführt werden. Der Präſident der Republik, Dr. Roqu e Saenz Penna, war kurz nach Kriegsausbruch nach längerer Krankheit geſtorben, ſo daß die gan ze Staatsgewalt bald in die Hände des bisherigen Vizepräſidenten Dr. Victorino de La Plaza gelangte, der fih als ein ausgefprochener Parteigänger Englands entpuppte.

Unter folhen Umſtänden hatte die deutſche Kolonie in Buenos Aires einen fhwierigen Standpunkt, und es war Feine Kleinigkeit, befonderg in der erffen Zeit, ein „Alemän” zu fein, befonders ale die Nachricht Fam, die Deutfchen hätten ben argentinifhen Vize⸗ konſul Himmer in Dinant (Belgien) ermordet und ben Vizekonſul Visca in Emden wegen Spionage verhaftet. Während letzt eres Vorkommnis auf ein Mißverſtändnis zurückzuführen war, war in der Tat der argentiniſche Vizekonſul Himmer, ein belgiſcher Staats; bürger, feandrechtlih erſchoſſen worden, weil er nicht nur ſelbſt als Franktireue auf deutſche Truppen geſchoſſen, ſondern auch als Fabritbefiger feine Angeſtellten und Yrbeiter zum bewaffneten Widerſtand gegen die Deutichen verleitet hatte. Die deutihe Ne gierung gab bet argentiniſchen darüber die nötige Aufklärung und dieſe erklärte ſich damit befriedigt.

Auch in Argentinien ftelfte die engliſche Preſſe die Deutſchen als Groberer hin, beten Anfiedelung auf bie Unterwerfung des Landes abzjiele. Die Zahl der im Argentinien feit 1880 eingewanderten Deutfchen beträgt nun höchfteng 60 000, denen mindeſtens 50 000

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Engländer gegenüberftehen ohne die Franzoſen und die viel zahl: ** 5* und italieniſchen Einwanderer. Die Deutſchen haben ſich durch Förderung des Ackerbaues und planmäßige An— fiedelung ſehr verdient gemacht und haben daher Anſpruch auf den Dank der argentiniſchen Regierung. Keine andere Nation hat ſo zweckmäßig die Anſiedelung und Seßhaftmachung von Kleinbauern gefördert, wie die deutſche. Ein deutſches Unternehmen, Die „Cs: lonizacion Stroeder“, hat 4.3. im Staate Buenos Aires ein Gebiet von 85 000 Hektar zu einer Kolonie angelegt, in der deutſche und andere Anfiedler ihr Fortfommen finden, und blühende Dörfer nebfi einer Hafenfladt zeugen von der Fähigkeit der Deutſchen, das Land urbar zu machen. Trotzdem gibt es in Argentinien keine rein deut— ſchen Kolonien, die eine Art Spracheninſel oder Staat im kleinen bilden. Von einer deutſchen Gefahr kann alſo keine Rede ſein. Da⸗ gegen haben die Engländer, abgeſehen von ihren mißglückten Er; oberungsserfuchen während der napoleonifhen Kriege (1806 —ı807) die argentinifchen Falklandinfeln nder Malvinen im Jahre 1833 ohne weiteres annektiert und fih um die argentinifchen Protefie nicht befünmert, Im Jahre 1909, während der jegige Präfident De la Plaza Minifter des Außern war, erfolgte eine nochmalige formelle Anneftion, die dann ohne Proteft blieb. Die dalklandinfeln liegen vor dem Ausgang der Magellanftraße, die fie beherrfchen. Das ift von Wichtigkeit; denn diefe Meeresfiraße wird nah Fertigftellung des Panamakanals der Weg fein, den nur die englifchen Kriegsfchiffe auf der Fahrt nah und von dem Stilfen Ozean paffieren Dürfen. ohne die Falklandinſeln häfte England dem deutfchen Kreuzer geſchwader auf offener See feinen Hinterhalt legen fönnen. Die Inſeln ſtellen aber auch einen vorzüglichen Sloftenffüßpunft für einen andern Zweck dar, nämlich für die Eroberung Patagoniens, des ſüd— lihen Argentiniens, zu deſſen Annektierung die englifchen Anfiedler | des Chubufgebiets ſchon im Fahre 1900 ihre Regierung auffsrderten, da es ſich „unter englifcher Flagge beffer lebe”, Der Burenkrieg verz hinderte damals die Erfüllung diefes Wunfches, doch geht aus der 3 Tatſache der Aufforderung zur Genüge hervor, von wem Argentinien eine Gefahr droht, Die Gefahr, von England ausgefogen zu werden, iſt jest fhon da im dem nur im Intereſſe der englifhen Volks, ernährung betriebenen, das Land in Krifen ſtürzenden KRaubbau, der auch durch die riefige Latifundien wirtſchaft Argentiniens begünſtigt wird. Beſitzt doch die Regierung noch 80 Millionen Hektar Fisrus— land, die, wenn fein gründlicher Syflemmwechfel eintritt, ebenfo an Spekulanten und englifche Geſellſchaften verfchleudert werden, wie dies mit 40 Millionen Hektar ſchon bisher geſchehen if, Großgru⸗ beſitzer mit 60000 Hektar find feine Seltenheit. si 8

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Gerade die Unterftükung der deutſchen Solonifation ha den argentinifchen Staat von der —* ren a —* land gerettet. Die Solidität der deutfchen Unternehmungen ermieg fih am deutlichen aus der guten Fundierung der beiden deutſchen Banken in Buenos Aires „Banco Alemano Transatlantico” und de la America del Sud“, die beide ruhig ihre —5 hterhielten, während die franzöſiſche Bank ihre

Die argentiniſche Preſſe, die zum Teil früher vielfach

h den Deutſchen ar hatte, zeigte fich mehr als feindfelig und wollte nicht ein, i erichtigungen aufnehmen. Das angeſehenſte Blatt, „La renſa“, das den Abdrnd des deutſchen „Weißbuchs“ ablehnte, rachte wenigſtens die deutſchen Heeresberichte, wollte aber auch diefe einftellen, als ihm mitgeteilt wurde, der deutſche Botſchafter * Waſhington ſei beauftragt, ihr friſierte Berichte zukommen zu aſſen. La Nacion“, das nächſtgrößte und vielleicht noch verbreitetere argentiniſche Blatt, legte offen eine deutſchfeindliche Geſinnung an den Tag. Ebenfo „La Razön“, „Ultima Hora“, „El Diario“. Noch mehr galt dies jedoch von den Standalblättern „La Argentina” und „La Critica“, die ſich in unflätigen Beleidigungen bet deutfchen und öfterreichifchen Kaifer überboten. Fette Anzeigenaufträge der eng liſchen Regierung machten hier die nötige Stimmung. Deutfchfeind; lich verhielt ſich auch das ſozialdemokratiſche Blatt „%a PBanguardia”. Die argentinifhe katholiſche Preſſe nahm dagegen eine objeftive und deutfchfreundlihe Haltung ein und die „Deutfhe La Plata Zeitung” nannte das Fatholifhe Blatt „Los Principios“ (Cordoba) das anſtändigſte argentinifhe Blatt. Deutſchfreundlich verhielten fich ferner die katholiſchen Blätter „El Pueblo“, „La Nu eva Epoca“ und „El Corrientes“. Die deutſche Preſſe hatte der Übermacht der Lüge gegenüber keinen leichten Standpunkt. Zunächſt gab eine An zahl Deutſcher ein in ſpaniſcher Sprache verfaßtes Blatt „Boletin Germanico“ heraus, das ſpäter von dem Verlag der deutſchen, La Plata⸗Zeitu ng“ übernommen und mit der von ihm in ſpaniſcher Sprache herausgegebenen Zeitung „La Union’ vereinigt wurde. Es bedeutet dies eine Det verdienſtvollſten Taten für das Deutſch⸗ zum im Ausland und für die deutſchen Intereſſen und iſt dankbarer Anerkennung des Mutterlandes würdig. Dieſes Blatt machte ſich die Widerlegung der Lügen der Dreiverbandspreſſe zur Aufgabe, und wie gut es wirkte, beweiſt der Umſtand, daß die engliſchen eſellſchaften den Vertrieb des Blattes auf den Bahnhöfen Bahngeſ ſch un derboten, wogegen der Verlag bei der Regierung erfolgreich Be⸗ werde erhob. Für die deutſche Sache trat natürlich auch das deutſche katholiſche Blatt „Argentiniſcher Volksfreund“ ein. Dass 9

t in temperamentooller Weife das „Argentiniſche Tag; late", obtoßl * Schweizer⸗Argentinier gehörig. Dieſes revi— fioniſtiſch⸗ſo zialiſtiſche Blatt verkennt jedoch in feiner —— republikaniſch⸗antiklerikalen Geſinnung völlig den wahren Grund des Haͤſſes der Feinde Deutſchlands und tut, als ob der deutſche Gieg ein Sieg des Atheismus und Monismus, Sozialismus uſw., alfo gerade der Mächte wäre, die Deutſchland in Geſtalt der internafio; nalen Freimaurerei den Untergang geſchworen haben. Leider werden durch dieſe Haltung des weitverbreiteten Blattes melte deutſche Kreiſe über die wahre Lage völlig irregeführt. Die Haltung der argentiniſchen Logen, die in Perſon ihrer Großmeiſter Dr. Preſenti und Sales y Orono Sympathiekundgebungen für Frankreich und Glückwunſchadreſſen an Poincare zu Frankreichs „Siegen“ organi⸗ ſierten, ſprechen doch deutlich genug, während argentiniſche Biſchöfe ſogar in Hirtenbriefen gegen Frankreich Stellung nahmen.

Daß es gerade der Häuptling der argentiniſchen Freidenker, Or. Barroeventanna, war, der durch deutſchfeindliche Hetzreden und auch durch ein Buch „Alemania contra el mundo“ gegen Deutſchland los⸗ zog, iſt doch kein Zufall. Eine ähnliche Broſchüre verfaßte ein Dt. Tena. Daneben wurden freilich auch englifhe Hetzbroſchüren in fpanifher, englifher, franzöfifher und fogar deut ſch er Sprade vertrieben, u. a. eine ſolche des bisherigen englifchen Botſchafters in Berlin, Goſchen, fowie Reden englifher Minifter. Demgegenüber muß erwähnt werden das Buch des Dr, Veraz: „Alemania aute la opinion de Sudamerica“, worin der argentinifhe Verfaſſer Deutich- land aufs wärmſte verteidigte. Dasfelbe fat in der „Union“ Der Univerfitätsprofeffor Calixto Oyuela, einer der bedeutendften Liter raturhiftorifer Südamerifas, ein begeifterter Verehrer deuffcher Kultur. Die argentinifhe Regierung verhielt fih diefen Dingen gegenüber völlig paffis. Gie duldete fogar, dag in Schulbüchern die Namen der Hauptffädte Deutfchlands, ÖfterreichzUngarng und ber Türkei ausgelaffen wurden, griff den von Freunden der Tripel; entente entworfenen Plan der Anfiedlung von Belgiern ohne weiteres auf und ſchritt nur ein, wenn die deutfchfeindlihen Kund— gebungen sar zu gefährlicher Urt werden fonnten. Gegen die engliihen Ubergriffe wagte fie nicht einmal zu profeflieren. Man könnte meinen, fie hätte den englifchen Aufflachelungen geglaubt, wonach Deutfchland zuerſt Nord, danı Südamerika, zunächſt na— türlich Argentinien, angreifen und erobern wolle. Man mußte ia (Hon die Höhe der Brandfhagungsfumme für Buenos Yires an; sugeben! Die Verminderung ber Stantseinnnahmen durch dag Darniederliegen eines großen Teils des Gefchäftslebeng und die dadurch hervorgerufenen Sparfamfeitsmaßnahmen, wie z. 9, Per

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minderung det Gehälter, Aufhebung von Gefandtfha,ten uf. waren ja freilich unangenehme Folgen des Kriegs, aber keineswegs Dentſchlands Schuld.

Erfreulich war alledem gegenüber die Opferwilligkeit der Deutſchen und Deutſchfreunde Argentiniens, die bis März 1915 durch Vermitt— (ung der beiden deutſchen Banken eine Million Mark zur Linderung der durch den Krieg hervorgerufenen Not dem Neichskanzler über; mitteln konnten. Es iſt dies um fo mehr anzuerkennen, ale die Not sahfreicher Deutſcher durch Die Yrbeitslofigfeit infolge des Krieges eine große ift und die deutfhen Kolonien auch bie sahlreichen Reſer— viſten unterſtützen müſſen, die nicht ſelten von weiter Ferne nach Buenos Aires gewandert, ſich nicht nach der Heimat einſchiffen konnten, aber auch feine Mittel mehr zur Rückkehr in ihre Anſiedelungen ber fügen. Nur wenigen gelang e8, wie der deutfhen Militärmiſſion, auf neutralen Schiffen Stalien, Holland oder Spanien zu erreichen nd von Dort aus weiter zu Tommen,

Brafilien, die größte Republik Südamerifas, bot ein Dem argentinifchen ähnliches Bild. Das gebildete Brafilisnerfum iſt freilich noch mehr als das Argentiniertum franzöſiſch beeinflußt. Auch das Militär huldigt franzöſiſchem Vorbild. Deshalb ſehen wir in Bra— filten nicht nur die radikalen Parteien, ſondern auch Mitglieder bet Rechten ſich deutſchfeindlich gebärden, wie dies in der zu Rio ge— gründeten „Liga pelos Alliados“ zum Ausdruck kommt, deren Vor— fig der bekannte braſilianiſche Staatsmann Senator Ruy Barboſa führt und die auf ſeiten des Vierverbands ſteht; kämpft er doch im Namen der Wahrheit, Gerechtigkeit und Vernunft gegen den deutſchen Militarismus und Imp erialismus. An dieſer Phraſe erkennt man auch hier wieder die Mache der Freimaurerei, deren Großmeiſter Senator Lauro Sodre in diefer Liga, der hohe Beamte und auch ein Admiral angehören, eine maßgebende Rolle fpielt. Die öffentlihe Meinung war in Brafilien fhon feit Jahren gegen Die Deutfchen aufgehest worden, die man befchuldigte, Durch ihre freilich gefchlofien deutſch⸗ ſprachlichen Kolonien in Rio Grande do Sul und Sao Paulo, Minas Geraes und Santa Catharina die vom Kaiſer geplante Erz oberung Südbrafiliens oorzubereiten. Die Zahl der Deutſchen bez trägt vielleicht noch 400 000, doch find ihnen ſolche Abſichten, wie Groberung, völlig fremd. Trotzdem werden ihre Schulen feit Kriegs ausbruch von der Regierung ſchikaniert; man möchte bie deutſch⸗ völkiſche Anſiedlung am liebſten im Braſilianertum aufgehen ſehen und will daher die portugiefifche Sprache auch in den deutſchen Privatſchulen einführen. In den braſilianiſchen Häfen konnten ſich vbͤritiſche Kreuzer nach Belieben aufhalten. Bon ein em Proteſt Bros

ſiliens gegen die Beſchlagnahme der in England erbauten braſilianiſchen 11

Kriegsfhiffe hörte man nichts, Die Nervoſität der braſilianiſchen Regierung zeigt der Vorfall auf Trinidade, wo nach englifhen Mel dungen die Deutfchen eine drahtlofe Telegraphenftation errichtet und Truppen gelandet haben follten. Alsbald fuhr ein braſllianiſches Geſchwader hinaus und bombardierte die 1200 Kilometer öſtlich der braſtlianiſchen Küſte im Atlantiſchen Ozean liegende Inſel, die England im Jahre 1896 ganz im Stillen beſetzt hatte, aber auf den Lärm der Braſilianer wieder herausgeben mußte. Die braſilianiſche Preſſe ſtand anfangs, wie die argentinifhe ſoweit fie nicht „klerikal“ iſt —, ganz auf ſeiten der Tripelentente, deren Lügen ſie ganz ebenſo * breitete. So z. B. „O Paiz“, „Jornal do Commercio“, „Diario Eſtado de Sao Paulo“ u. a. Die katholiſchen „Voces de Petropolis hatten unter der Anfeindung der Ententepreffe viel gu leiden. Diefe Preſſe erzeugte zu Anfang des Krieges durch die Verbreitung ber Lüge von der Ermordung deg greifen brafilianifchen Staatsmann Dr. Bernardino Campos, ehemaligen Staatspräſidenten von Sao Paulo, eine ſehr deutſchfeindliche Stimmung. Dr. B. Campos wollte trotz Warnung während der Mobilmachung die Grenze nad ber Schweiz im Automobil überſchreiten, wovon er von deutfhen Wachtz poften etwas unfanft abgehalten wurde, Später gelangte Dr. 2. Campos ungehindert nah Brafilien.

Allmählich trat auch in einem Teil der brafilianifchen Preſſe ein Umſchwung ein, fo daB fogar in der Fluminenfer Zeitung „A Tri buna“ ein braſilianiſcher Geiftlicher ein ſchwungvolles Inteinifches Ge dicht auf Kaifer Wilhelm II, veröffentlihen Eonnte, dag mit ben Berfen begann: |

Salve lux, sine qua caruisset Caesare tellus

Tanta que lux orbi non oritura fuit Gruß ſei dem Tag, der uns den deutſchen Kaiſer geſchenkt hat, Wie ein herrliches Licht ſtand er dem Erdkreis auf!

Die Haltung der „Tribuna“ war freilich die Folge des Angebots der deutſchen Firmen in Braſilien, das Blatt durch Anzeigen und Abonnentenſammeln ausgiebig zu unterſtützen, falls es deutſchfreund⸗ lich ſchreibe. |

Merkwürdigerweiſe war der Umſchwung ber Stimmung in Bra: filien raſcher und meitgreifender als in Argentinien, welches als Haupt; 18 der englifhen Intrigen in Südamerika su gelten hat. Es ent ffanden fogar neue deutſchfreundliche Blätter brafilianifcher Her: funft, wie „O Bismard” in Eurityba. Deutfchfreundfich wurde auch „> Municipio” in Sao Francisco, „U Hora“ in Say Paulo. Die deutſchen Zeitungen Brafilieng waren natürlich die berufenffen Ver; freterinnen ihres Vaterlandes und mwetteiferten in deſſen Verteidigu 19. Die „Deutſche Zeitung“ in Porto Alegre veranftaltete eine Dreimal

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woͤchentlich erſcheinende ſpaniſche Ausgabe. Tapfer kämpfte auch das katholiſche „Deutſche Volksblatt“, „Der Kompaß“ (Curityba), „Germania“ (Sao Paulo), „Urwaldbote“ (Blumenau) uſw.

Im braſilianiſchen Bundesparlament wagte es ſogar ein Ab— geordneter, Dunfhce Abrantes, für Deutſchland eine Lanze zu brechen, unterſtützt von drei andern Abgeordneten, doch verlor er dadurch ſein Amt als Vorſitzender der diplomatiſchen Kommiſſion, das ein entſchiedener Deutſchfeind erhielt, der dem wackern Senhor Dunſhce Abrantes entgegengetreten war.

Doch bald mehrten ſich die Stimmen angeſehener Männer, die für Deutſchland öffentlich Partei ergriffen, ſo der Advokat Ribeiro, der Dichter und Richter De Carvalho, Raoul de Freitas, die in Sao Paulo Vorträge über Deutſchland hielten; Ribeiro trat auch in der Preſſe für Deutſchland ein, deſſen Einwanderung die beſte des Landes ſei. Das gleiche erklärte der Bundesabgeordnete von Rio Grande do Sul, Dr. Dforio, während der in London lebende Geſchichts⸗ forfher und Diplomat Dr. Dliveira de Lima im „Jornal do Com; mercio“ Deutfchland gegen den Vorwurf der Barbarei in Schutz nahm und gegen den Mißbrauch, feines Namens durch die tige für romaniſche Ziviliſation“ ſich verwahrte.

Die auch in Braſilien eingetretene wirtſchaftliche Kriſis wurde dadurch erhöht, daß Eugland verlangte, aller Kaffee müſſe an den „Neederlandſchen Dverzee Truſt“ geſandt werden, aber nicht mehr als 60000 Sack monatlich, bei einer Ernte von 1%, Millionen Sad bedeutet die Unterbindung der Ausfuhr eine Ratafirophe befonders für Sao Paulo. Das Vorgehen Englands rief einen Sturm der Entrüffung hervor und die Regierung proteftierfe ver— gebens. Auch die Ausfuhr von Tabak und befonders Kautſchuk wurde duch Beſchlagnahme der Schiffe von England unterbunden. Die große Mißſtimmung gegen England führte jogar zur Grün⸗ dung einer „Liga Brazileira pro Germania“, der nur Braſilianer angehören und die ſich gegen die Lügen des Vierverbandes und die Beſtrebungen zur Ausrottung der deutſchen Kultur richtet. Das Stocken der Ausfuhr und der Rückgang der Staatseinnahmen führte auch in Braſilien zu Sparſamkeitsmaßnahmen.

Das Steigen der Lebensmittelpreiſe wurde von der deutſch⸗ feindlichen Preſſe zur Hetze klug benutzt. Einige Blätter veröffentlichten trotzdem einen Einſpruch der deutſchen Kolonie in Rio de Janeiro gegen die Verunglimpfungen des deutſchen Heeres duch Greuel⸗

berichte. | | Auch im Brafilien ſuchten die deutfhen Kolonien die Not ihrer

Sandslente zu lindern und fammelten wie in Argentinien große Summen für das „Note Kreuz“ und zur Linderung der Kriegsnot.

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Chile, der dritte der ABC-Ötanten, wies bie gleihen Er, fheinungen auf. Die große Begeifterung, mit der in Chile Pein; Heinrich und das deutfche Gefhmwader empfangen wurden, Fonnte es nicht hindern, daß die Regierung gang im Fahrwaſſer Englands ſchwamm. Der Gefandte Ehiles in England, Auguſtin Edwards, von Abſtammung ein Brite, deſſen Großvater das größte Blatt Chiles, den „Mercurio“ in Santiago, gründete, und Gatte einer Britin, iſt einer der reichſten und mächtigſten Männer des Landes und beherrſcht durch ſein deutſchfeindliches Blatt die öffentliche Mei— nung im Sinne Englands. Die chileniſche Regierung ließ britiſche Schiffe in chileniſchen Häfen wie in engliſchen verlehren und Kohlen und Lebensmittel einnehmen, britiſche Handelsſchiffe durch chileniſche Kreuzer und Torpedoboote begleiten, ihre in England erbauten Kriegsſchiffe durch die britiſche Regierung beſchlagnahmen, und hatte gegen die ſchwere Verletzung des Völkerrechts anläßlich der Ver— nichtung des deutſchen Kreuzers „Dresden“ in den neutralen Ge; wäſſern von Juan Fernandez nur einen zahmen Proteſt, der in dem vertraulichen Verhältnis beider Staaten nichts änderte. Huch in Chile rief der Krieg wirtfhaftlihe Krifen, befonders durch Stilliegen des Galpeterhandels, Verminderung der Einnahmen, Dreisfteige; tung und Sparjamfeitsmaßnahmen der Kegierung hervor. Die Schuld gab man natürlich Deutfchland, und erzeugte befonders in den erften Monaten eine Stimmung, die faſt zu Döbelerzeffen gegen die Deutfehen führte. Die Zahl der deutſchen Koloniften wird noch etwa 20 000 befragen, deren Niederlaffungen son objektiv Denfenden Chilenen als die ſchönſten und beſten anerkannt werden. Wie ſehr hat man in Berlin den toten Präſidenten Pedro Montt geehrt, als er 1910 auf deutſchem Boden ſtarb, alles war ergeffen. Nur die Biſchöfe und der Klerus, die katholiſche Preſſe und dag Offizierskorps, das dankbar zu ſeinem langjährigen deutſchen Inſtruktor, Generel Koerner, aufſchaute, blieben Deutſchland treu. "Dag Ofſtzierskorps gab ſogar eine eigne Zeitſchrift „Gaceta militar“ heraus, in der es ſchneidig für Deutſchland eintrat und bie erlogenen Siegesnachrichten der Entente auf ihren wahren Wert zurückführte. Der deutſch— chileniſche General Kundt befand ſich bei Kriegsausbruch in Deutſch⸗ land und begab ſich zum Stabe Hindenburgs. Die bald erfolgte Gründung einer deutſchfreundlichen Zeitung in ſpaniſcher Sprache zeigte raſch, daß nur die Sympathien der Regierung, der Havas— Preſſe, des Pöbels und der Radikalen auf Englands Seite ſind. Die neue Zeitung hatte nach einigen Wochen ſchon 12 000 Abonnenten Die deutſchen Jeſuiten in Chile ſahen ihre Wirkſamkeit, die chileniſche Jugend in deutſchem Geiſte zu erziehen, von ſchönſtem Erfolg gekrönt Der von ihnen herausgegebene Llanquihue⸗Bote“ und die ander

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deutſchen Zeitungen, wie „Dentfhe Preffe” In Santiago, die „Deutſche Zeitung“ in Baldivta u. a. wurden ihrer vaterlandiihen Aufgabe glänzend gerecht, und die deutſchen Wehrpflichtigen über; ſtlegen zum Teil unter ungeheuren Strapazen Die Anden wobei mande erfroren oder von Lawinen verſchüttet wurden, um nad der Oftfünte Südamerikas und von dort auf einem Schiff in bie Heimat zu gelangen, wag freilich nur wenigen glüdte, Uruguay muß in einer Linie mit den AUBC-Staaten genannt werden, da es von allen ſüdamerikaniſchen Republiken ſich am often; tativſten deutſchfeindlich benahm. Der Präſident und Freimaurer— wärdenfrüget Joſé Batlle, vom Vater her ein Yankee, lie in feinem Dlatte „EI Dia“ Cor iſt Direktor und Eigentümer) wahre Drgien des Deutſchen haſſes los, in denen beſonders der Deutſche Kaiſer aufs unflaͤtigſte beſchimpft wurde. Der deutſche Geſandte in Monte— vided, Freiherr v. Ow-Wachendorf, ſah ſich genötigt, gegen sahl; | reihe Lügen durch öffentliche Erklärungen und Berichtigungen vor— | zugehen und erzwang auch die Beſtrafung eines uruguayiſchen Offi⸗ ziers zu 15 Tagen ſtrenger Haft wegen eines den Kaiſer beleidigenden Artikels in der „Tribunag popular”. Ebenfo wurde auf feine de ſchwerde hin der Verkauf von beleidigenden Anſichtskarten und Bildern verboten. Gegen die Kibig-Geſellſchaft in Stay Bentog, die ihre deutſchen Angeſtellten brotlos machte, ſchritt die deu tſche Regierung ein. Engliſche Pächter deutſcher Viehzuchtgeſellſchaften hatten die Frechheit, Pferde ihrer Gruudeigentümer für Die eng— liſche Armee zu ſchenken. Die Lieferung von Io 000 Pferden für die enalifhe Neiterei war eine Hauptaufgabe Uruguays.

Die wirtſchaftliche Lage des Landes führte zu ähnlichen Spatz ſamkeitsmaßregeln wie in den andern Republifen. Die deutſche Kolonie tat alles, was fie konnte, um das 208 arbeitsiofer Lands leute zu mildern. Die von bet deutfchen „La Matas Zeitung” heraus: gegebene „Union“ wurde uch in Montevideo fofort verbreitet. In— tereffant ift die Tatſache, daß ein uruguayiſcher Dberft, der fih bei Kriegsausbruch in Deutfchland aufgehalten hatte, wie bet argentinifche Oberſt Loredo Deutfhland das beſte Zeugnis ausſtellte.

Paraguah, der Nachbarſtaat Uruguays, bot dieſem gegen— über ein ungleich erfreulicheres Bild. Der Umſtand, daß dieſe Re— publik nicht an das Meer grenzt, war für ihre Unabhängigkeit in dieſem Kriege ein Vorteil. Die Hetze der Havas⸗Preſſe, an der Spitze das „Diario“ in Aſuncion, entſprach zwar ganz dem Muſter der übrigen Staaten, aber fie verfing nicht. Det Praͤſident Eduardo Schaerer iſt der Sohn eines Deutſchſchweizers und der Schwieger⸗ ſohn des öſterreichiſch⸗ u ngariſchen Generalkonſuls in Aſuncion. Seine Politik iſt eine deutſchfreundliche und begünſtigt hauptſächlich die

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Gründung neuer deutfcher Kolonien und damit die Heranziehung eines leifiungsfähigen Bau ernſtandes duch Abgabe von Klein, parzellen an Anfiedler. Kurz vor Kriegsausbruch war eine beutiche Militärmiſſion in Afuncion angelangt, der dann freilich) Feine lange Wirffamfeit befhieden war. Deutfhland war der Hauptabnehmer für Paraguans Erzeugniffe (Tabak, Häute) und Paraguay will fi Deutſchlands Kundſchaft auch für die Zukunft fihern, befonders auch für Paraguaytee, der allmählich in Deutfchland Fuß zu faffen beginnt, Trasident Schaerer hielt an ſtrikter Neutralität feft und konnte eine im Januar ausgebrohene zweifellos von der englandfreundlichen Öegenpartei angezettelte Revolution leicht unferdrüden. Um den Lügenmeldungen der „Entente” enfgegentreten zu können, wurde in Aſuncion ein deutſches Blatt „Noticiero Alemän’ (in ſpaniſcher Sprache) gegründet; die „La PlatarZeitung“ in Buenos Aires gab alle geeigneten Meldungen telegraphifc an den deutſchen Klub in Aſuncion weiter. 1915 entſtand auch ein paraguayiſches deutſchfreundliches Blatt „La Reaccion“. So ft Paraguay eine „Dafe des Friedens“ in dem Getümmel des Weltkriegs. Bolivien verhielt fih, troßdem Havas und Neuter auch hier ihre Bemühungen einfeßten, wie Paraguan, ziemlich deutſchfreund—⸗ lich. Dan erinnerte fih daran daß in Bolivien vor Fahren einmal der engiiihe Gefandte wegen feiner Anmaßung rückwärts auf einen Eſel gefest und zum Land hinausgejagt wurde. Die Regierung hatte zwar einen engen Handelsverttag mit Großbritannien ge; ſchloſſen, aber die Öffentlihe Meinung war für Deutfchland und Oſterreich, was fogar beim Nationalfete sum Yusdrud fam. Zur 2Siderlegung der Reuter; und Haag; Lügen erfcheinen in Bolivien zwei deutſche Zeitungen in fpanifcher Sprache, nämlid „La Van⸗ gardia“ in der Hauptſtadt Ra Paz und „El Eco” in Potoſi. Sn 2a Paz wurde auch eine Monarsfhrift „La Reviſta“ zu diefem Zwecke segrändet, während die Zeitungen „EI Diario“ und „El Siempe” erne Schwenkung zugunften Deutfhlands vornahmen. Die wietfchaft: lihe Lage wurde durch den Krieg wohl beeinflußt, doch konnte Die Regierung Urbeitsgelegenheit fhaffen und fraf, wie anderwärts Sparſamkeitsmaßnahmen. Die deutſchen Kolonien geiffen ihren Sandsleuten durch Hilfsaktionen unter die Arme. Bolivien hatte fich in den legten Jahren um deuffche Einwanderung bemüht, die aber erſt nach Yusbau des Bahnnetzes größern Erfolg haben kann. Peru war leider vor dem Krieg fhon ganz unter fran zöſiſchem Cinfluß, während die Engländer die von ihnen verwaltete Com— pannig Peruana de Vapores für ihre Zwecke ausnutzten. Der Krieg rief große Brbeitölofigfeit und Teuerung hervor. Yuf der Seife Deutfhlends-Öfterreihs war in Peru anfangs nur der Klerus uns 16

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dte ihm zugetanen Elemente des Volkes, Doch war eine deutfchfeind; fihe Stimmung frog franzöfifher Militärmiſſion eigentlich nicht vor; handen, Ein Hauptverdienft daran gebührt dem peruaniſchen Milt; tärattache, Kapitän Guerrero in Berlin, deſſen wahrheitsgefreue Berichte fehließlich alle Zeitungen abdrudten: Das deutſchfreundlichſte Blatt it „Ra Prenſa“ (Lima). Ahnlich ſteht es im

Ecuador, wo die Zentralmächte beſonders auch in gebildeten Kreiſen große Sympathien genießen. Es iſt bekannt, daß England die Regierung von Ecuador des Neutralitätsbruchs beſchuldigte, da ſie Deutſchland die Anlage einer drahtloſen Telegraphenſtation auf den Halagagosinſeln geftattet habe, Natürlich war das erlogen. Die Lügen der Ententepreffe verfingen in Ecuador nicht. Ein hervor; tagender Ecuadorianer, D. Jaime Puig y Verdaguer in Guayaquil, nannte den Krieg in einem Auffag „El gran crimen“. Beim pat- amerifanifhen Kongreß in Wafhington fagte der Delegierte Ecua— dors, Gonzales Vaſo, den Engländern feht derb die Meinung, als diefe fich über Nichtzahlung der Zinfen für die Quito⸗Guayaquil⸗ bahn beſchwerten, obwohl nur das engliſche Moratorium die Schuld trug. Das deutſchfreundlichſte Blatt iſt „EI Telegrafo“ (Guayaquil).

Venezu ela bot ein ähnliches Bild, Auch dort machten Havas und Keuter feine großen Gefhäfte. Ein Venezolaner, V. M. Owalles⸗Caracas, veröffentlichte eine Schrift: „Ser o no ser“ (Sein oder Nichtfein), in der er trotz Hinneigung zum ſtammverwandten Stanfreih und dem „freiheitlihen” England doch Deutihland den Sieg wünſcht, deffen Forſcher an der Erſchließung Venezuelas ſo große Verdienſte hätten, beſonders Dr. A. Ernſt, der 35 Jahre in Venezuela lebte. Deutſchland iſt Venezuelas Hauptabnehmer, die Eiſenbahn der Republik und viele Schulen und Gewerbetreibenden find deutſch. Bekanntlich war Venezuela 1519 big 1555 dem deut; (hen Handelshaufe Welfer in Augsburg als Lehen verpfändet und verdankt diefem Umftand die Gründung einer Reihe von Städten,

Columbien wurde, wie Ecuador, Det Neutralitätsverletzung zugunſten Deutſchlands, natürlich zu Unrecht, beſchuldigt. Die Stim— mung dort iſt trotz Havas und Reuter in dieſem zurzeit „klerikal“ regierten Lande entſchieden deutſchfreundlich. Nur die radikale Min⸗ derheit hielt zur Entente. Die Führung hat dort das katholiſche Blatt „Unidad“ in Bogota, Das vom deutſchen Gefandten ale Depeſchen erhält, die für ihn einlaufen. Natürlich iſt der Klerus, wie in ſämt⸗ lichen erwähnten Staaten, deutſchfreundlich. Columbien iſt eines der zukunftsreichſten Länder und hatte vor dem Krieg begonnen, deutſche Arbeiter zu gewinnen. Der Krieg hat dem Handel viel ge ſchadet, doch if Feine allgemeine Kriſis eingetreten. Bezeichnend iſt, daß Bryan England und Frankreich ſofort jedes Einſchreiten gegen

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Columbien freigab. Denn Columbien ift die Seele der Anti Yankee; bewegung, wenn man von einer folhen fprechen darf. Die Partei; nahme Nordamerikas gegen Deutfchland flug dem Faß den Boden aus. Kolumbianifhe Berichterffatter bereiffen die friegrührenden Staaten und berichteten, daß England und Frankreich die ganze Welt frech belogen hatten. Die columbifhe Regierung erteilte oftentatio Lieferungsaufträge nach Deutfchland, trotzdem Engländer, Sranzofen und Yankees fih darum die Füße abgelaufen haften.

Sp if denn der Norden Südamerikas mehr deutfchfreundlid, der Süden deuffchfeindfich gefinnt. Dort Haß, hier Bewunderung Deutfhlands und feines Kaifers ! um

Wie wird fih nun die Lage nach dem Krieg vorausfihtlih ge, Kalten? Es gibt in Südamerika Kreife, die ein Aufgeben der deut, ſchen Stellung in Südamerika befürworten. Das ift fiher nicht das Richtige. Denn Südamerika ift ein für Deutfchland fo ungehener wichtiges Abfasgebiet, daß wir dasfelbe niemals den Yankees und Engländern ohne weiteres überlafen Finnen. Nicht ohne Grund haben die „Hamburger Nachrichten” eine fpanifhe Ausgabe ihres Slattes in Südamerika verbreitet. Nicht umſonſt werden ſpaniſch und portugieſiſch verfaßte Aufklärungsflugblätter von den deutſchen Handelskammern dorthin verfandt. Es befteht Hoffnung, daß Deutſch⸗ land, wenn es eines Tages mit Spanien im Bunde der Wahrheit eine Gaſſe in Südamerika bricht, die füdamerifanifchen Deutſchfeinde ihre Rolle ausgefpielt Haben werden. Spanien erftrebf die Betz einigung der füdamertfanifhen ehemaligen Kolonien zu einem lateinifhen Bund, den Vereinigten Staaten von Spanien und Süd; amerika. Die 1915 in Ungriff genommene Gründung einer ſpaniſch— id und mittelamerifanifchen Schiffahrtslinie unter Beteiligung ſämtlicher ſüdamerikaniſchen Staaten ift ein deutlicher Fingerzeig für die Wiederannäherung der alten Kolonien Spaniens zum Mutter⸗ lande. Deutfchland mit Spanien im Bunde ift allein in der Lage, in diefen Staaten Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu garantieren und die ſtändige Einrichtung der von den englifhen und nordameri- kaniſchen Krämerfeelen immer wieder angeftifteten Revolutionen und Dürgerfriege su befeifigen. Diefe Revolutionen werden oft nur ange; fiftet, um mit Munition und Waffen Gefhäfte machen zu können. Ganz Südamerika läuft G efahr, Schritt für Schritt, Staat für Staat, dag Schickſal Mexikos zu erleiden, das einigen amerikaniſchen Druſtfirmen, die ein Intereſſe an dieſem Durcheinander haben, geopfert wird. Der ehrliche, friedliche Handel muß bei ſolchen Zuſtänden zugrunde gehen.

Aber auch ein anderer Grund muß uns veranlaſſen, nach wie vor auf Südamerika den Blick zu richten. Unſere Kolonien in Süd; amerika, deren Patriotismus und Opfermwilligfeit fich während Hier

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Krieges in fo glänzender Weiſe betätigte, dürfen nicht durch völlige Unterdindung der ZJufube deutſchen Blutes dem Untergang und dom volligen Aufgeben in der fremden Kultur und Sprache geweiht werden, Hier muß fih Blur dider erweiſen als Waſſer liegt auch ein Ozean zwiſchen uns und ihnen. Die deutſchen Blätter, die ſo mannbaft fürs alte Vaterland ſtritten, fie dürfen nicht untergehen. Die deutſchen Anſiedler und Kulturpioniere find gleich für den deutſchen Handel die Wegbahner, die ihm einen Abſatz und feſten Grundſtock für dieſen Abſatz liefern müſſen, damit er nicht von andern derdrängt wird,

* chon bat ſich eine Millionen „American Argentine Coloniſations⸗

Co. gebildet, die gleich ganze Städte in den Kamps von Chubut (Patagonien) bauen will, um fo den argentiniſchen Markt zu er— obern. Das ſcheint das Ergebnis der ſofort nach Kriegsbeginn er— argentiniihsnorbamerikaniihen Handelskonferen zen zu fein. Dieſes Vorgehen Nordamerikas bildet eine wahre Gefahr für die Selbſtaͤndigkeit der ſüdamerikaniſchen Staaten. 2913 erſchien in Londen ein Buch: „A friendly Germany : nn 5 von . ſüdafrikaniſchen Sir Lionel Philipps, der darin * * NMand zur I eſitzergreifung Südamerikas aufforderte und Eng— ands Neutralität in einem Krieg zwifchen Deutfihlend und Nord⸗ amerika ankündigte. Hätte Deutſchland ſolchen Lockungen Folge 98% leiftet, fo wäre fein Urteil jest m Südamerika gefproden und die engliſchen Verleumdungen gerechtfertigt. Die wahren Länderdiebe ſitzen ganz wo anders. Das wird man auch in Südamerika bald ein— ſehen, und einer der Hauptpläne unſerer Feinde det deutſchen Im duſtrie und dem deutſchen Handel Südamerikas Markt zu entreißen, wird zuſchanden werden.

Die Abſicht der Nordamerikaner, während des Krieges den deutſchen Markt zu erobern, iſt aus verſchiedenen Gründen für Deutſchland weniger gefährlich, als dies auf den erſten Anblick er— ſcheinen möchte. Die ſüdamerikaniſche Frage iſt für Deu tſchland eine ſo wichtige, daß